Thursday, June 01, 2006

Erinnerungen an den Krieg

My Lai war der Anfang vom Ende des Vietnam-Kriegs
Regina Kerner
Berliner Zeitung, 01.06.2006

Es war acht Uhr morgens, als am 16. März 1968 amerikanische Soldaten über das süd- vietnamesische Dorf My Lai herfielen. Viele Familien saßen vor ihren Hütten und kochten Reis. Wenige Stunden nach der Landung der US-Helikopter waren 503 vietnamesische Zivilisten tot, in der Mehrzahl Frauen, Kinder und Greise, massakriert von US-Soldaten. Die Amerikaner vergewaltigten 15 Jahre alte Mädchen, warfen Handgranaten in die Hütten, brannten das Dorf ab, zerrten die verängstigten, unbewaffneten Menschen aus ihren Verstecken, erschossen sie, erstachen sie mit Bajonetten, wie in einem blutigen Rausch.

Kaum ein Soldat der 11. Infanterie-Brigade unter Führung des 24 Jahre alten Leutnants William Calley verweigerte damals den Befehl. Sogar ein Fotograf der Armeezeitung Stars & Stripes war dabei. Ron Haeberle hielt die apokalyptischen Gräueltaten in allen Details fest und wurde damit zum Kronzeugen des schrecklichsten Verbrechens, das die US-Armee bislang begangen hat und mit dem sie in den Augen der Welt ihre Unschuld verlor. Das Massaker von My Lai - oder Son My, wie der Ort auch heißt - versetzte Amerika einen Schock. Auf dem Höhepunkt des Vietnam-Kriegs führte es zu einer entscheidenden Wende der öffentlichen Stimmung in den USA und mobilisierte die Kriegsgegner noch stärker. Und: My Lai offenbarte die Macht der Medien und Bilder in modernen Kriegen.

Viele ziehen heute angesichts der Berichte über ein Massaker von US-Soldaten an irakischen Zivilisten in Haditha eine Parallele zu My Lai. Denn auch damals versuchte das US-Militär, die Vorgänge zu vertuschen. Führende Offiziere verbreiteten die Version, bei der erfolgreichen Operation in My Lai seien 128 Vietcong getötet worden und etwa 20 Zivilisten bei den Kämpfen unbeabsichtigterweise ums Leben gekommen. Obwohl, wie sich später herausstellte, der US-Hubschrauberpilot Hugh Thompson eine offizielle Eingabe an seine militärischen Vorgesetzten machte und von einem Kriegsverbrechen sprach, wurde eine interne Untersuchung schnell beendet. Thompson hatte als einziger versucht, die vietnamesischen Zivilisten vor seinen völlig außer Kontrolle geratenen Kameraden zu schützen.

Briefe von zwei US-Infanteristen an Politiker, in denen sie zwar nicht konkret über My Lai berichteten, aber die allgemeine Brutalität der US-Armee gegen Zivilisten beklagten, wurden kleingeredet. Colin Powell, damals Major, war beauftragt, die Vorwürfe zu prüfen. Er schrieb als Fazit, die Beziehung zwischen US-Soldaten und vietnamesischer Bevölkerung sei "exzellent".

Es war der Journalist Seymour Hersh, der nach langen Recherchen und Gesprächen mit Leutnant Calley fast eineinhalb Jahre später die Wahrheit über das Massaker von My Lai ans Licht zerrte - illustriert mit den Fotos von Ron Haeberle. Hersh, der vergangenes Jahr auch die Folterung irakischer Häftlinge durch US-Soldaten im Gefängnis Abu Ghoreib aufdeckte, bekam für seine My-Lai-Story den Pulitzer-Preis. Im November 1969 brachten die US-Magazine Time, Life und Newsweek Titelgeschichten über das Kriegsverbrechen in Vietnam. Die Beweislast für die US-Armee war erdrückend. Die Anti-Kriegsbewegung bekam starken Zulauf. Viele Amerikaner, die bis dahin noch für den Krieg waren, konnten nicht fassen, dass "ihre Jungs" solche Grausamkeiten verübt hatten. Das Image der strahlenden Befreier Europas von der Hitler-Diktatur wurde überlagert von den Bildern der mordenden Bande. Die Rufe nach einem Rückzug aus Vietnam wurden immer lauter.

Für die Verantwortlichen hatte der Skandal allerdings keine großen Auswirkungen. Im Frühjahr 1970 wurden 14 Offiziere beschuldigt, Informationen unterdrückt zu haben. Die meisten Anklagen wurden aber fallen gelassen. Leutnant Calley wurde ein Jahr später zu lebenslanger Haft wegen Mordes verurteilt, weil er die Befehle zu den Erschießungen erteilt habe. Es war die einzige Verurteilung in Zusammenhang mit dem Massaker. Calley selbst hatte angegeben, er habe auf Befehl seines Vorgesetzten gehandelt. Der bestritt dies. Zwei Tage nach dem Urteil ordnete der damalige US-Präsident Richard Nixon an, Calley nur unter Hausarrest zu stellen. Dreieinhalb Jahre später wurde dieser als freier Mann entlassen.

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/politik/555164.html
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31.05.2006 -- Tages-Anzeiger Online
So viele Journalisten getötet wie in Vietnam
Im Irak sind seit Beginn des Krieges 71 Journalisten getötet worden - genauso viele wie während des Vietnamkriegs.
http://www.tagesanzeiger.ch/dyn/news/ausland/630247.html

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